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7 Stufen der Streitkultur

Posted in Meinungsfreiheit, and Politik

Meinungsverschiedenheiten sind alltäglich. Nach Paul Graham gibt es 7 verschiedene Stufen seine unterschiedliche Meinung auszudrücken:

Stufe 0: Beschimpfung
Stufe 1: Persönlich werden
Stufe 2: Umgangston kritisieren
Stufe 3: Widersprechen
Stufe 4: Gegenargument
Stufe 5: Widerlegung
Stufe 6: Den Hauptpunkt widerlegen

Diese Möglichkeiten sind nach Grahams Meinung hierarchisch aufgebaut: Je niedriger die Stufe desto unproduktiver ist der Austausch, je höher die Stufe desto sachbezogener wird der Diskurs.

Im Folgenden sind diese Stufen der Argumentation anhand eines aktuellen, konkreten kommunalpolitischen Beispiels dargestellt:

Beispiel:
Die Gemeinde Walting plant eine große neue Kindertagesstätte für 4,7 Mio Euro um den Kindergartenplatzbedarf über die nächsten Jahrzehnte decken zu können.

Ein Kritiker meint: „Die neu geplante Einrichtung wird viel zu wenig neue Krippenplätze schaffen. Das zeigen die Ausschreibungstexte und Bestandszahlen. Es werden mit dem Neubau nur 2 neue Krippenplätze geschaffen – viel zu wenig aufgrund des gesellschaftlichen Wandels zur mehr Krippenbetreuung und aufgrund der Schaffung mehrerer neuer Baugebiete in unserer Gemeinde. 2 neue Krippenplätze werden weder mittelfristig und noch langfristig ausreichen.“

Ein Kritisierter will reagieren. Er hat 7 verschiedene Argumentationsstufen zur Auswahl.

 

Stufe 0: Beschimpfung

Zum Beispiel „Sie Idiot!!!!!“
Eine wortgewandtere Beschimpfung wäre: „Sie primitiver und perfider Populist!“
Das implizite Argument dahinter: „Alles was Idioten/Populisten/etc. sagen, ist falsch oder kann ignoriert werden.“

 

Stufe 1: Persönlich werden

Das „Persönlich-Werden“ in Gesprächen wird in der Rhetorik und Argumentationstheorie als „ad-hominem“ Argument  bezeichnet.

Grahams Beispiel: „Natürlich sagt er das. Er ist schließlich ein Abgeordneter.“
Das implizite Argument dahinter: „Was Abgeordnete sagen, ist falsch oder irrelevant“.

Auch das Abstreiten von Kompetenz sieht Graham als „ad-hominem“ Argument.
Zum Beispiel: „Sie sind kein Fachmann!“
Das implizite Argument dahinter: „Wer kein Fachmann ist, liegt falsch“.
Aber auch Nicht-Experten können manchmal recht haben.

Stufe 2: Kritik des Umgangstons

Bei der Kritik des Umgangstons wird nicht auf ein Argument eines Kritikers geantwortet, sondern sein Redestil oder die Art und Weise seiner Äußerungen.

Beispiel: „Wie kann man nur so hochmütig/unverschämt/überheblich/schnippisch sein!“
Das implizite Argument dahinter: „Wer hochmütig/unverschämt/etc. ist, sagt nichts richtiges oder relevantes.

 

 

 

Stufe 3: Widerspruch

Der Widerspruch ist nun das erste Mal eine inhaltliche Reaktion. Dabei wird einfach das Gegenteil einer Kritik behauptet, jedoch ohne eine Begründung dafür zu liefern.

Beispiel:
Kritiker: „Der neue Kindergarten schafft zu wenig Krippenplätze.“
Kritisierter: „Der neue Kindergarten schafft genug Krippenplätze.“

Dahinter steht kein implizites Argument, aber auch keine Begründung.

Stufe 4: Gegenargument

Erst auf der 4. Stufe findet nach Graham „Argumentation“ statt.
„Bis zu diesem Punkt kann Kritik für gewöhnlich ignoriert werden, da sie nichts beweist. Gegenargumente können etwas belegen.“ (Graham, 2008, dt. Übersetzung von Jens Oliver Meiert)

Aber: Ein Gegenargument besteht nicht nur darin, das Gegenteil zu behaupten, sondern diese Behauptung mit einer Begründung zu versehen. Allerdings heißt eine mit einer Begründung versehene Behauptung allein noch nicht, dass es sich um einen effizienten Umgang mit Meinungsverschiedenheiten handelt. Denn Gegenargumente bleiben unproduktiv, wenn sie sich nicht auf den Kritikpunkt beziehen, sondern auf etwas, was für den Inhalt der Kritik irrelevant ist.

Bei der „4. Stufe Gegenargument“ geht also das Argument noch am Kritikpunkt vorbei.

Beispiel:
Kritiker: „Der neue Kindergarten schafft zu wenig Krippenplätze.“
Kritisierter: Der Kindergarten wird genug Plätze für ältere Kinder haben, weil es für diese Kinder 3 Gruppen gibt.“

 

 

Stufe 5: Widerlegung

Bei der Widerlegung handelt es sich um eine Behauptung mit Begründung, die sich direkt auf die geäußerte Kritik bezieht.

Beispiel:
Kritiker: „Der neue Kindergarten ist zu klein, weil er nur 2 Krippenplätze schafft.“
Kritisierter: „Der neue Kindergarten ist groß genug, weil er 3 Krippenplätze schafft.“

Die „5. Stufe Widerlegung“ trifft zwar den Kritikpunkt, aber sie trifft ihn nicht wesentlich.

Häufig wird bei der 5. Stufe oder 6. Stufe eine Äußerung des Kritikers zitiert, um dann genau auf diese Äußerung Bezug nehmen zu können.

Verwechslungsgefahr
Zitieren zeigt aber nicht, dass es sich wirklich um die 5. oder 6. Stufe handelt. Graham warnt:

„Manche Verfasser zitieren Auszüge von Sachen, denen sie widersprechen, um erst den Anschein legitimer Widerlegung zu erwecken, nur um dann mit einer Antwort auf Stufe von 3 oder sogar 0 aufzuwarten.“

Das implizite Argument ist dann dahinter: „Wer einen widerlegbaren Fehler macht, liegt auch sonst mit seiner Kritik falsch.“ 

Eine solche implizierte Argumentation hat nur den Anschein einer Argumentation auf Stufe 5 bis 6 und tatsächlich befindet sich die Argumentation auf Stufe 0 bis 3.

 

Stufe 6: Den Hauptpunkt widerlegen

Nach Graham ist die höchste Stufe der Argumentation, den Hauptpunkt der Kritik zu widerlegen.

Es handelt sich um ein Gegenargument (ab 4. Stufe), das direkt einen Punkt der Kritik widerlegt (ab 5. Stufe) und dabei den Hauptpunkt der Kritik betrifft (= 6. Stufe).

(… in Walting übrigens wird der Betreuungsbedarf für Krippenkinder nicht sinken. Die Aussage dient nur der Veranschaulichung.)

Die 6. Stufe ist fruchtbarste Stufe im Meinungsaustausch:

Erfahrungsgemäß ist selbst mit einem Stufe-6-Argument die Meinungsverschiedenheit nicht beigelegt. Aber die Chancen sind hoch, dass man einen Schritt weiter kommt. Wenn der Kritisierte mit einem „6. Stufe-den Hauptpunkt widerlegen-Argument“ reagiert und daraufhin der ursprüngliche Kritiker ebenso wieder auf der 5. Stufe oder auf 6. Stufe antwortet, kommen nach und nach alle Fakten auf den Tisch und jeder kann sich dann – basierend darauf – seine eigene Meinung bilden.

Bildquqelle: ‚Loudacris‘. Modified by Rocket000 – hand-coded by uploader; based on en:Image:Graham’s Hierarchy of Disagreement.jpg by ‚Loudacris‘ (originally from blog.createdebate.com) (Transferred from en.wikipedia to Commons by Cloudbound.), CC BY 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=18102462

Quellen

Die deutsche Übersetzung von Grahams Aufsatz findet man hier:

https://meiert.com/de/publications/translations/paulgraham.com/disagree/

Der ursprüngliche Essay ist hier zu finden:

http://paulgraham.com/disagree.html

Auf Grahams Ideen kam ich durch diese zwei Artikel auf Wikipedia:

https://en.wikipedia.org/wiki/Paul_Graham_(programmer) und https://en.wikipedia.org/wiki/Ad_hominem